innsbruck ist nicht madrid oder new york, die maria-theresien-straße nicht die puerta del sol oder der zuccotti park. - oder vielleicht doch?

nach #realdemocraciaya, #acampadas, #occupywallstreet sind also die proteste via #occupyeverywhere und #15october als #occupyaustria auch in österreich und in innsbruck angekommen. - will uns das sammelsurium an hashtags vielleicht schon etwas sagen?

innsbruck, annasäule, 13:00: ein paar dutzend leute stehen herum. eine bunte mischung, alle fröhlich, die sonne scheint, kinder werden geschminkt, ... ist doch nett, oder?

oder.

dass das ganze reichlich unorganisiert wirkt, ein ziel der veranstaltung nicht zu erkennen ist und der "redner" ((nicht) zu hören am anfang des videos) weder reden noch seinen lautsprecher bedienen kann, sind die kleineren ärgerlichkeiten.

interessanter ist schon die "bunte mischung": neben atomkraftgegnerInnen, grünen, der piratenpartei (deren homepage heute im wesentlichen php-warnings ausspuckt) und den unvermeidlichen tierschützerInnen gibts auch noch die vertreterin einer obskuren und wohl verschwörungstheoretisch angehauchten bewegung, die flammend von einer esoterikerin schwärmt, oder den nationalrats-abgeordneten, der selbst für die fpö untragbar geworden ist, aber hier fröhlich pamphlete verteilt.

so sieht also die zusammensetzung dieser "bewegung" aus; die laut flugzettel (ohne impressum o.ä.) keine ist, aber dafür global, und alle sollen miteinander reden und so. (aus dem gedächtnis, im detail hab ich mir die wolkigen formulierungen nicht gemerkt.)

wir haben also: keine ideologie, keine analyse jenseits von "wir empören uns über dies und das", keine entwürfe abseits von "wir brauchen liebe und müssen viel kommunizieren", keine organisation außer "alle dürfen mitmachen".

dem bissigen standard-artikel nach zu schließen dürfte es in wien recht ähnlich ausgeschaut haben.

wie ein anderer anwesender treffend zusammengefasst hat: "postmoderne beliebigkeit".


nachtrag: in der tt findet sich ein interessantes interview mit max preglau. auszüge:

Bevor etwas aber effizient umgesetzt werden kann, muss sich herauskristallisieren was genau mit dem Protest erreicht werden soll. Momentan geht es in erster Linie darum, jedem die Möglichkeit zu geben sich einzubringen. [...] Ein Problem bei „Occupy Wall Street“ ist auch, dass niemand persönlich und mit klaren Forderungen angegriffen wird, sondern das Finanzsystem an sich. Daher kann eigentlich nur indirekt über Reaktionen der Politik etwas verändert werden. Doch dieser Weg ist umständlich und lang. Die Gefahr, dass die Bewegung am Ende wirkungslos verpufft ist also groß.


nachtrag: ernesto galli della loggia im corriere de la sera (zitiert nach & übersetzt von euro|topics):

Denn wer versucht, die Gesellschaft wirklich zu begreifen und dabei rudimentäre wirtschaftliche Kenntnisse besitzt und folglich eine Vorstellung davon hat, was Polis ist und was Macht bedeutet, und wie sie organisiert ist, empört sich nicht. Er macht Vorschläge, streikt, rebelliert, wählt die Opposition oder schafft eine neue. Aber er empört sich nicht. ... In der Politik ist die Empörung, wenn sie authentisch ist, eine sofortige und elementare Reaktion. Wenn sie zum Dauerzustand wird, dann zeugt sie nicht nur von einer vereinfachten, sondern von einer primitiven Weltanschauung.

der kritik am begriff "empörung" stimme ich zwar nicht zu, aber die hinweise zu verständnis und weltanschauung finde ich recht treffend.


nachtrag: wer hätte gedacht, dass ich einmal einmal die presse zitiere:

Dabei sind die Ziele der Österreich-Besetzer ähnlich vage formuliert wie jene ihrer New Yorker Vorbilder. Sie haben keinen Anführer, keinen Forderungskatalog und keine eng gefassten Wertvorstellungen. Man distanziere sich von Faschismus, Rassismus und jeglichem Fanatismus steht im Infoportal der Facebook-Seite. Ein Gegengift gegen die Eurokrise rund um Griechenland und die Parteienverdrossenheit in der Heimat ist das noch nicht.


& noch ein paar nachträge (ende jänner 2012):

bereicht über #occupyaustria in innsbruch